Monat: September 2018

Der einzig ehrliche Toskana-Ratgeber: Tipps und Tricks für die Rundreise

Montepulciano in voller Blüte © Felix Disselhoff

Drei Wochen waren meine Freundin und ich in der Toskana unterwegs. Drei Monate ist das jetzt schon her. Zeit für ein Recap, bevor die Erinnerungen verblassen. Und weil die meisten Reiseratgeber Euch mit vermeintlichen Sehenswürdigkeiten zuballern, die Ihr Euch getrost sparen könnt. 

Generell Wissenswertes, wenn Ihr gerade eine Toskana-Reise plant:

Früh buchen: In der Toskana herrscht tatsächlich immer Saison. Unser Plan, praktisch nur Start- und Endpunkt festzulegen und zwischendurch nach Lust und Laune Unterkünfte zu buchen, löste sich ziemlich schnell in Luft aus. Egal ob Airbnb, Tripadvisor und Co.: Ihr werdet schnell sehen, dass die meisten Unterkünfte mitunter schon für viele Wochen und Monate ausgebucht sind. Kein Wunder: Die Toskana ist ein internationales Reisedomizil. Kurzum: Bucht Eure Unterkünfte vorab durch.

In dubio pro agriturismo: Wenn Ihr mal nicht in Städten unterwegs seid, schießt Euch eine Unterkunft in einem Agriturismo. Die Professionalität vieler Anbieter bei Airbnb ist extrem hoch, das Onboarding fast genauso gut wie in einem Hotel. Mitunter nahmen sich die Gastgeber sogar mehr Zeit – und überraschten uns mehr als einmal mit einer Flasche Wein.

Unterschätzt die Hitze nicht: Wir waren im Juni unterwegs, was temperaturtechnisch gerade noch ertragbar war. Doch gerade in den Städten steht die Luft. Achtet also darauf, ein Apartment oder Haus mit Klimaanlage zu buchen.

Sicherheit geht vor: Sorgt dafür, dass Ihr nicht so leicht ausgeraubt werden könnt. Heißt: Portemonnaie und Co. solltet Ihr etwa in Florenz nicht in der hinteren Hosentasche tragen. Entweder den Rucksack vorne tragen oder etwa eine superdünne Bauchtasche unter der Kleidung. Diebstahl ist in Florenz nach wie vor ein Thema.

Wenn Ihr mit dem Auto in der Toskana unterwegs seid:

Rasen mit Stil: Legt Euch ein dickes Fell zu, wenn Ihr mit dem Auto unterwegs seid. Italiener fahren dort, entschuldigt, wie komplette Idioten. Heißt: Es wird zumeist extrem dicht aufgefahren, kurios überholt, sich generell oft nicht an Verkehrsregeln gehalten. Meine Lösung: Ich bin nach wenigen Tagen auch wie eine besengte Sau gefahren. Spart tatsächlich Nerven.

Parken mit App: Es gibt Orte, in denen es für Besucher praktisch keine dauerhaft kostenlosen Parkmöglichkeiten gibt. Wirklich nicht. Man kann dann entweder alle paar Stunden umparken und ein Knöllchen riskieren – oder man bezahlt. Weil zudem die meisten Parkscheinautomaten kaputt sind oder keine Scheine nehmen oder keine Kreditkarten nehmen oder oder oder, hier ein Tipp nach zwei Tagen Nerverei mit dem Thema: Installiert Euch Easypark, legt einen Zettel mit „Handyparken“ ins Cockpit und wählt in der App den ungefähren Standort Eures Pkws aus. Denn wer denkt, dass bei teilweise nur ein paar Quadratmeter großen Parkflächen diese wiederum allesamt in der App korrekt hinterlegt sind, wird sich wundern.

Maut in bar: Wenn Ihr Euch nicht sicher seid, ob Euer Auto ein entsprechendes Abrechnungsmodul an Bord habt, mit dem Ihr so durch die Stationen kommt und nachträglich bezahlt, dann fahrt IMMER an den Schalter, an dem auch eine Person sitzt. Dann vermeidet Ihr, dass es Euch wie mir geht: Erstmal durch die falsche Spur gefahren, um dann bei der nächsten Ausfahrt zu merken, dass mir ein entsprechendes Ticket für die Abrechnung fehlt. Dann in die Linie gefahren, in der keine Kreditkarte angenommen wurde. Um dann in die dritte Linie mit genervten Autofahrern hinter mir, die Platz machen mussten, um dort zu erfahren, dass ich ja nun gar kein Ticket hätte und deswegen die Maximalgebühr von über 60 Euro zahlen müsse. Die kann man dann einzig und allein in Pisa oder aber online bezahlen. Ihr könnt Euch vorstellen: Nach der Aktion lagen die Nerven bei mir erstmal blank.

Florenz

Den riesigen Duomo sind man in der Altstadt von Florenz von nahezu jeder Position © Felix Disselhoff

Den riesigen Duomo sind man in der Altstadt von Florenz von nahezu jeder Position © Felix Disselhoff

Los ging es für uns in Florenz. Gebucht hatten wie ein Airbnb unweit entfernt vom Duomo, also in der Altstadt der italienischen Metropole. Dank eines Tipps eines Bekannten haben wir nicht den Fehler gemacht, direkt nach der Ankunft den Mietwagen abzuholen und in die Stadt zu fahren (dazu später mehr, wenn es um die Abreise geht). Denn praktisch gibt es keine Parkplätze, zudem ist für nicht autorisierte Fahrzeuge die Einfahrt in viele Straßen untersagt und zieht nach Videoüberwachung Geldbußen nach sich.

Generell gefiel uns die Stadt sehr gut. Das historische Flair, die extrem gute Gastroszene, unzählige Shopping-Möglichkeiten – man kriegt die Zeit gut rum in Florenz. Mindestens genauso groß ist das kulturelle Angebot. Und so besorgten wir uns auf Anraten etlicher Reiseratgeber eine Firenzecard. Der Clou: Man bekommt für drei Tage Zugang zu allen Museen und andere kulturelle Einrichtungen und bezahlt zudem keine Tickets mehr für Öffis. Plus: Man muss nicht wie das gemeine Volk in langen Schlangen anstehen, sondern kommt überall schneller rein. So auch in die Uffizien, von allen Reiseratgebern vollmundig angepriesen. Was soll ich sagen? Wer sich nicht ausschließlich auf mittelalterliche und auch nur mittelalterliche Kunst versteht, kommt nicht auf seine Kosten. Ich finde die Uffizien extremst überhypt. Der Louvre im Vergleich oder aber die Tate Modern haben mich da weitaus mehr gekickt.

Stattdessen sind wir dann anschließend lieber durch die Stadt geschlendert und haben uns dann bei brütender Hitze im Boboli-Garten niedergelassen. Nochmal zur Firenzecard: Das Ganze kann sich lohnen, wenn man wirklich eine Kultur-Tortour plant. Denn: Im Schnitt beläuft sich der Eintritt für nahezu jede Sehenswürdigkeit in Florenz auf mindestens 15 Euro pro Person, teilweise weitaus mehr. Besucht man also mehr als eine Handvoll Museen oder Einrichtungen, hat man den Preis schon raus.

Geil: Am besten an Florenz gefallen hat uns wohl das kulinarische Angebot. Meine Strategie: Yelp öffnen, Restaurants in der Nähe auswählen und dann filtern nach Angeboten, die nicht zu teuer sind (also: €€), und ein paar Dutzend gute Bewertungen haben. Wir wurden nicht einmal enttäuscht. Ganz im Gegenteil: In Florenz schlecht zu essen, behaupte ich nun mal ganz dreist, ist praktisch unmöglich.

Hingegen nicht so geil: zu viele Menschen in zu engen Gassen und zu viele laute Amerikaner.

Lucca

Klein, aber oho: Lucca © Felix Disselhoff

Klein, aber oho: Lucca © Felix Disselhoff

Am Ende unseres dreitägigen Aufenthaltes ging es dann nach einem Zwischenstopp beim Autovermieter mit einem Fiat Panda (größer sollte es bei den engen Gassen in der Toskana nicht sein) Richtung Lucca. Gilt als eine der schönsten Städtchen in der Toskana. Kann ich so bestätigen. Mit dem über vier Kilometer langen Wall, der komplett um die historische Stadt geht, ist Lucca einfach was ganz Besonderes. Unser Apartment lag vor den Toren der Stadt. Mit einem Fußweg von keinen fünf Minuten war das aber kein Problem. Zumal die eine große Terrasse zum Lesen und Entspannen einlud.

Im Stadtkern erwarten Euch viel Historie, gute Restaurants und – ganz typisch für jede größere Stadt in der Toskana – eine Einkaufsmeile. Das klingt aber despektierlicher, als es gemeint ist. Während das hierzulande eine Ansammlung der immergleichen Geschäfte (Douglas,  ein Sneakershop usw.) bedeutet, werdet Ihr von den großen, globalen Marken komplett verschont. Vielmehr hat sich auch Lucca zum Ziel gesetzt, dem Umfang einer großen Mall in nichts nachzustehen, während man aber bei den Geschäften auf Klasse und Authentizität setzt. Das Ergebnis: Dutzende Läden mit italienischer Mode, Feinkost usw.. Da läuft man dann auch gerne mehrmals durch.

Die Zeit in Lucca haben wir außerdem genutzt, um einen Abstecher an die Küste zu machen. Genauer: nach Pietrasanta. Ich bin mir sicher, dass es dort in der Hauptsaison unerträglich voll ist an den Stränden. Allerdings hatten wir im Juni nahezu freie Platzwahl. Wer der Hitze mal für ein paar Stunden entkommen will, für den ist es genau richtig. Bei all den Bettenburgen an diesem Ort ist man aber auch froh, wenn man wieder weg ist.

Chianti

Wein, Käse und ein Hammer-Ausblick: So lässt es sich aushalten im Chianti © Felix Disselhoff

Wein, Käse und ein Hammer-Ausblick: So lässt es sich aushalten im Chianti © Felix Disselhoff

Hach. Ich versichere Euch: All die Bilder vom Chianti, die eine malerisch schöne Landschaft zeigen, sie sind keineswegs übertrieben. Diese Landschaft ist derart schön, dass man es mitunter nicht fassen kann. Man steht mittendrin und fühlt sich surreal – als würde man hinter sich schauen und gerade von einem …. auf einer Leinwand verewigt werden. Am Anfang habe ich nicht verstanden, warum es alle Nase lang Haltebuchten quer durchs Gebiet verteilt gab. Doch nach zwei Tagen machten wir es wie alle: Stehenbleiben, innehalten, schauen, staunen und versuchen, dieses Erlebnis irgendwie fotografisch festzuhalten. Allerdings bin ich der Überzeugung, dass man den eigentlichen Reiz einfach nicht im Foto erkennen kann. Diese Landschaft ist derart abwechslungsreich und hügelig – und das allein in dem Bereich, den man in diesem Moment erblicken kann – das schaut nachher auf einem Foto einfach viel zu platt und einheitlich aus. Wirklich: Landschaftlich ist das Chianti eine absolute Wucht! Zudem: Es schaut nicht nur schön aus, es lebt! So viel aktive Fauna, also Bienen, Falter, Vögelschwärme, Ameisenkolonien und allerlei anderes Getier habe ich in dieser Dichte in Deutschland selbst in ländlichen Gebieten nicht erlebt. Hier ist die Natur tatsächlich noch in Ordnung.

Wir hatten aber auch verdammt viel Glück mit unserem Agriturismo. Da wollte man abends eigentlich nur Vino trinken und der Sonne beim Untergehen zuschauen.

Was man aber auch bedenken muss: Das Chianti ist relativ ländlich, und so ist das kulinarische Angebot ein bisschen weniger divers als etwa in Florenz. Heißt: viel, viel Pasta 😉

Unser schickes Agriturismo bei San Panzano haben wir dann als Homebase genutzt, um von dort aus die Sehenswürdigkeiten des Chianti zu erkunden. Ganz weit oben auf der Liste: San Gimignano. Eine kleine Hügelstadt umgeben von einem mittelalterlichen Wall.

Blick vom Torre Grossa in San Gimignano © Felix Disselhoff

Blick vom Torre Grossa in San Gimignano © Felix Disselhoff

Die Skyline der Stadt wird durch mittelalterliche Türme geprägt, darunter der Steinturm Torre Grossa, auf dem auch das Bild entstanden ist. Die Anreise durch die Landschaft ist eigentlich schon der Hingucker, aber die Stadt selbst ebenso. Und nein, „Game of Thrones“ wurde hier nicht gedreht – auch wenn es sich wunderbar anbieten würde.

Porto Santo Stefano

Ausblick von unserem Apartment über den Hafen von Porto Santo Stefano © Felix Disselhoff

Ausblick von unserem Apartment über den Hafen von Porto Santo Stefano © Felix Disselhoff

Nach Stadt und Land wollten wir auch ein bisschen ans Meer. Und weil wir ein schönes Airbnb in Porto Santo Stefano gefunden hatte, war das Küstenstädtchen für einige Tage unsere Heimat. In Kurzform: das Timmendorf der Toskana. Irgendwann hat sich hier offenbar mal eine Fiat-Erbin niedergelassen, und andere Schwerreiche haben es ihr nachgemacht. Während das Hafenstädtchen selbst noch relativ normal daherkommt, gibt es rundherum Trauben von Wochenend-Villen. Entsprechend schnarchig ist es dann auch, sodass rund um die Mittagszeit und generell die meiste Zeit die Bürgersteige hochgeklappt werden.

Uns ging’s aber um die Küstennähe, und so durfte ein Abstecher zum Strand nicht fehlen. Wir entschieden uns dann für die Riserva Naturale Duna Feniglia an der nahegelegenen Maremma-Küste. Beim Strandtag holte ich mir dann aber, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt schon zwei Wochen in der Sonne unterwegs war, einen ultraknackigen Sonnenbrand, von dem ich noch Wochen später was hatte.

Schön: Italienischer geht es kaum. Hier spricht Dich niemand auf Englisch an.

Nicht so schön: Kaum jemand spricht Englisch.

Montepulciano

Montepulciano in voller Blüte © Felix Disselhoff

Montepulciano in voller Blüte © Felix Disselhoff

Gemein gesagt: Wie das Chianti, nur flacher und nicht so heiß. Aber tatsächlich ist die Gegend rund um das legendäre Weinanbaugebiet wunderschön. Ebenso wie das namensgebende Städtchen selbst. Auch wenn es wie gefühlt jede andere „Hügelstadt“ in der Toskana gebaut ist: historischer Stadtkern umringt von einem Wall, extrem steile Straßen, eine schöne Einkaufsmeile.

Wie auf dem gesamten Trip hatten wir wieder einmal großes Glück mit unserem Agriturismo, das halb in einem Wald lag, aber vom Haupthaus aus Blick auf Montepulciano bot.

Was für ein Naturschauspiel: das Bagni San Filippo mit heißen Schwefelquellen © Felix Disselhoff

Was für ein Naturschauspiel: das Bagni San Filippo mit heißen Schwefelquellen © Felix Disselhoff

Was sich auf jeden Fall anbietet, ist ein Besuch der heißen Schwefelquellen des „Bagni San Filippo“ bei Pienza. Mitten im Wald erstreckt sich über ein paar hundert Meter ein Areal mit Wasserfällen bzw. weißen Felsen, aus denen warmes, schwefelhaltiges Wasser (bisschen über 40 Grad) austritt. Das riecht erstmal saueklig, macht aber ne astreine Haut und half mir überraschenderweise beim meinem verstauchten Knöchel.

Ein letztes Mal Florenz

Von Montepulciano ging es dann zurück nach Florenz, um den Wagen abzugeben und tags drauf nach Deutschland zurückzufliegen. Hier mein eindringlicher Rat: FAHRT MIT DEM AUTO NICHT DURCH FLORENZ. Ich selbst fahre seit meinem 18. Lebensjahr nahezu jeden Tag Auto. Aber nach wenigen Stunden durch den Straßenverkehr musste ich mich erstmal fix und fertig aufs Bett legen. Es liegt nicht daran, dass die Straßen sonderlich verstopft sind. Aber wenn man eimal in Florenz durch einen vierspurigen Kreisverkehr fährt, in dem einem Pkws in der falschen Richtung entgegen kommen und Radfahrer, die ohne zu schauen alle vier Bahnen kreuzen einem nur durch eine Vollbremsung verhindert nicht auf der Motorhaube landen, dann will man sich das eigentlich kein zweites Mal geben.

Die Toskana von oben © Felix Disselhoff

Die Toskana von oben © Felix Disselhoff

Was man sich in der Toskana sparen kann:

Volterra: Die Anfahrt ist ein nicht enden wollendes Meer an Serpentinen. Als Belohnung gibt es dann ein vergleichsweise trostloses Örtchen, dessen beste Zeiten gefühlt 20 Jahre oder länger zurückliegen. Kein Vergleich zu San Gigminano.

Ortobello: schnarchiges Städtchen ohne Besonderheiten

Pisa: Wollt Ihr wirklich der abermillionste Tourist sein, der ein Bild mit diesem vermaledeiten Turm macht?

Siena: zu laut, nix Besonderes

Und was ich bis heute nicht verstanden habe:

/ Warum man an jeder Ecke Ziegenkäse, den Pecorino, kaufen kann – man aber in der gesamten Toskana keine einzige Ziege und auch sonst praktisch kein Vieh sieht.

/ Warum die italienischen Männer denken, dass Stehkragen im Jahr 2018 immer noch hip sind. Aber Italiener dennoch so viel mehr Stil haben als die Deutschen.

/ Warum der Espresso auch in der hinterletzten Ecke eines jeden Ortes fantastisch schmeckt.

/ Warum Amerikaner einfach immer so laut sein müssen.

Abgesehen davon waren die drei Wochen Toskana eine Wohltat für Leib und Seele. Wir haben nicht einmal schlecht gegessen, hingegen die meiste Zeit sogar hervorragend. Die Landschaft atemberaubend, die Menschen gastfreundlich, das kulturelle Angebot groß, das Wetter praktisch immer gut.